Hanspeter Fiechter ● Vita

Kunstmaler, dipl. Erwachsenenbildner, Kunstpädagoge
Abschluss: Diplom-Medienkünstler
42 Jahre Malerei mit Schwerpunkt im „modernen Aquarell“ und intensivem Austausch mit diversen Künstlerinnen u. Künstlern
Seit 38 Jahren Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland
Seit 14 Jahren Malatelier in Südfrankreich
Diverse Gestaltungsaufträge für Institutionen (z.B. SRK, Filmfestival von La Ciotat / F )
Ankäufe der Stadt Biel und anderer Institutionen
Verschiedene (längere) Ausland-Kunstreisen und –Aufenthalte, u.a. zwei Jahre in Algerien (1980 – 1981)
10 Jahre Co-Leitung einer Galerie

 

LEHRTÄTIGKEITEN

Lehrtätigkeit und Kurse an einer High-School in Philadelphia, U.S.A (1976-1977)
Seit 1989 eigene Malschule
Seit 30 Jahren Aquarellkurse und Kunstvermittlung in der Erwachsenenbildung
Seit 17 Jahren Mal-, Zeichen und Kunst-Kurse im Ausland
Diverse Bildungs- und Gestaltungsprojekte : u.a. regelmässige Führungen für Erwachsene u. Jugendliche in Galerien und Kunstmuseen für verschiedene Institutionen (z.B. workshops im Kunstmuseum Bern)
Malkurse als Gastausbildner am „Ceruleum“ Lausanne (école d`arts visuels) und für „Lernwerk“ Bern
Lehrtätigkeit an der Schule für Gestaltung Bern (SfGB)
Praktikumslehrkraft der Päd. Hochschule Bern für Bildnerisches Gestalten auf allen Niveaus der Oberstufe der Volksschule

 

PHILOSOPHIE

Gedanken zu meinem Sein als Maler, Schauer, Frager und Sucher

Ich bin mir bewusst, weniger die Geheimnisse der Dinge selbst lüften zu können, als vielmehr Erfahrungen über meine Strategien des Schauens zu machen. Diese Erfahrungen sensibilisieren jedoch meine Bewusstheit über die Erscheinungswelt der Dinge. Im Rausche ihres Werdens hinterlassen sie eine Prägung ihrer Gegenwärtigkeit; sie mutieren zu „Vergegenwärtigungen“. In meinem Alltag auftauchende Bilder haben dann oft die Lust, sich mit diesen zu verknüpfen – ähnlich Wörter einer Fremdsprache, welche sich bei ihrem Auftauchen in einer anderen wieder zu erkennen geben und sich damit vertiefen. Dieses so entstehende Registriergewebe ästhetischer Synapsen bildet so das Quellgebiet meiner Bildsprache.
Den angemessenen Ausdruck dieser, meiner Bildsprache, finde ich heute zwar nicht ausschliesslich im Aquarell, sondern ebenso in anderen Techniken. Im Aquarell entdecke ich jedoch immer noch durch jedes nächste Vordringen in ahnungsvolles Neuland, weitere Seitenarme, dieser mir seit über 40 Jahren vertrauten Technik und Verbindungen zu den übrigen Gestaltungs-Techniken. Im Empfinden, im Malen wie im Lehren und Weitergeben ist es für mich wichtig, Interessierten dieses Neuland näher zu bringen. In kaum einer Technik herrschen so weitverbreitete, enge Clichés wie im Aquarell. Gerade im dauernden In-Frage-Stellen und Suchen in Räumen der Technik, eröffnen sich mir auch Assoziationen zu Inhalten. Hier drängen sich solche einer modernen, vergänglichen Welt auf. Sie messen sich als Produkte menschlicher Ideen mit den archaischen Energien der Natur.
In ihrem Zerfall zeigen sie eine Ästhetik des vergessenen oder verlorenen Zwecks, ja oft eine solche des Katastrophalen. Hier kann ich denn auch die Verletzlichkeit und das Instabile menschlichen Seins und seiner Erzeugnisse als Thema finden.
Hieraus ergeben sich Fragen nach der Wirklichkeit und Wahrheit, deren Parallelen und Unterschiede.
Wahrnehmung und Bewusstsein sind mit zunehmendem Alter auch Zugänge zu Quellen, aus denen sich für mich Inhalte ergeben oder gar aufdrängen – nicht aus einer überzeugten Sicherheit heraus, sondern vielmehr aus zweifelndem Suchen.
Nicht als Widerspruch zum Philosophischen, sondern eher in bestätigendem Sinne, zeig-t-en sich mir auch in der Fotographie Verfremdungsmöglichkeiten im Sehen und Entdecken, die ich mit meiner Malerei in neue Realitäten setze, die somit wahrer werden als allenfalls eine dokumentierte Wirklichkeit! Blüht die Wahrheit, welkt die Wirklichkeit. Die hieraus entwickelte Technik nenne ich „Photopeinture“. Die Fotografie wurde mir – nebst meinem Skizzentagebuch – zur schnellen, unmittelbaren Skizze.
Der assoziative Zugang zum gemalten wie zum entdeckten, mich ansprechenden Bild, ist für mich fliessend und oszilierend. Auf das Entdecken als Innehalten folgt das Finden als Vergegenwärtigung. Assoziation lässt das Suchen und Finden in der eigenen Beobachtungsbiographie zu und ist offen zur Re-Vision derselben, Definition schliesst aus und ab - dem Geschauten und Gesagten ist nichts (mehr) beizufügen.
Um hierfür nur ein konkretes Beispiel anzufügen: In diesem Finden zeig-t-en sich mir auch die plattgefahrenen, verrosteten und von der Sonne in ihren Farben verblichenen Getränke-Büchsen. Geprägt über die Jahre, durch ihre Umgebungseinflüsse zum Unikat geworden, stellt sie eine Allegorie zu unserem Leben und Dasein dar. Ehemals von Andy Warhol als Serie in die Kunst eingeführt, ist sie Zeitzeuge unserer Gesellschaft und ihrer Werte. Sie steht für alles Ausgediente, oder liegt für alles Eingestellte.
„Wert-los“ heißt hier bloß der Serie entartet, dem Zweck entbunden und der Symmetrie entwachsen. „Wert-voll“ nenne ich sie, wenn ich sie oder sie mich entdeckt, weil diesem Lebensprinzip menschlicher Vergänglichkeit gleich – voller Einmaligkeit. Die Antwort auf Andy Warhols Frage finde ich heute auf der Strasse: Die Serie ist nicht, sie wird - wert-voll.
Meine Einsichtnahme in diese sich mir eröffnenden Parallelwelten und meine hierauf folgenden Eingriffe (in Form von Bildern), haben eine grosse Bedeutung als Grundlage meines schöpferischen Tuns. Es ist für mich auch ein Weg, meinen und den gängigen, tradierten und dogmatischen Sehgewohnheiten Neues abzugewinnen. Einsichtnahmen sind Wertungen von Werdendem, welches sich mir in meiner Wahrnehmung aufdrängt. Es birgt die Anlagen in sich, bei mir anzukommen – ankommen zu wollen, will sich durch meine Bildsprache manifestieren. Das Manifest ist der Vorläufer des Gestaltungsprozesses; Kreativität ist prozessgebunden.
Der (Aquarell-) Pinsel lässt durch die Unzähmbarkeit und Flüchtigkeit des Wassers das Geahnte unmittelbar in Einmaligkeit werden, die Fotographie ist die Skizze des Augenblicks, im Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zeit ist die Vergegenwärtigung von Vergänglichkeit und Werden.
Bilder „werden“ zuerst, und sie können einmal „sein“ – „schön“ sein, wenn sie wollen. „Schönheit“ muss jedoch ihre Rigorosität des Tradierten und Objektiven loswerden. Schönheit ist Sinnlichkeit, ist wandelbar, nicht unveränderliche Vollendung. Diese Schönheit impliziert sowohl die Ästhetik des Hässlichen wie auch des zweckmässig Nutzlosen, oder des Zerstörten. Kunst beginnt vorerst mit Ent-Decken, folgt einem ästhetischen Imperativ und wehrt sich gegen jegliche Absicht. Sie ist frei von jeder Beweislast von Können.
Kunst kommt nicht von Können – Können ist Voraussetzung für Kunst. Wissen und Können müssen sich bescheiden und dem Werden Raum geben. „Werden“ ist frei von Dogma und gibt dem Experiment die Bedeutung des Wegweisers.
Kunst ist auch, sich der Sehlust hingeben können und wollen, deren Rausch man nicht fürchtet, sondern geniesst.
Ent-Deckung – Wahr-Nehmung – Annäherung – Experiment – Vertiefung – Verfeinerung – Variation – Erkenntnis – Registrierung – Wissen – Improvisation – Komposition – Ent-Deckung –… : Meine Gestaltungsetappen eines Inhaltes, ganz im Bewusstsein, dass hieraus nicht vor allem Antworten zu bekommen sind.
Die Inhalte meiner Bilder sind also meine Zeugnisse von Annäherungsprozessen und von deren Anstrengungen, etwas über das Geheimnis der Dinge zu erfahren. Ich weiss jedoch, dass ich mich mit der Anstrengung zufrieden geben muss. Dies ist nicht enttäuschend, da das Beherrschen der Dinge eine Illusion wäre, deren Vergegenwärtigung aber die eigentliche Herausforderung ist.